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Wolfgang Kleber

Über das Stück

Wolfgang Kleber, Orgel

Johann Sebastian Bach (1685-1750) Das Leipziger Orgelbuch (Hupfdudel-Sammlung)

  • Triosonate Nr. 1 Es-Dur BWV 525, Triosonate Nr. Sonata 2 c-moll BWV 526, Triosonate Nr. 3 d-Moll BWV, Sonata 4 e-Moll BWV 528, Sonata 5 C-Dur BWV 529, Sonata 6 G-Dur BWV 530
  • Fantasia super "Komm Heiliger Geist" in Organo pleno BWV 651, "Komm Heiliger Geist" alio modo BWV 652
  • "An Wasserflüssen Babylon" BWV 653, "Schmücke dich, o liebe Seele" BWV 654, Trio super "Herr Jesu Christ, dich zu uns wend" BWV 655, "O Lamm Gottes unschuldig" BWV 656, "Nun danket alle Gott" BWV 65, "Von Gott will ich nicht lassen" BWV 658
  • "Nun komm der Heiden Heiland2 BWV 659, Trio super "Nun komm der Heiden Heiland" BWV 660, "Nun komm der Heiden Heiland" in Organo pleno BWV 661
  • "Allein Gott in der Höh sei Ehr" BWV 662, "Allein Gott in der Höh sei Ehr" BWV 663, Trio super "Allein Gott in der Höh sei Ehr" BWV 664
  • "Jesus Christus, unser Heiland" sub Communione  BWV 665, "Jesus Christus, unser Heiland" alio modo      BWV 666
  • "Komm Gott Schöpfer Heiliger Geist" in Organo pleno BWV 667, "Vom Himmel hoch, da komm ich her" per Canones, "Vor deinen Thron tret‘ ich hiermit" BWV 668

Das Leipziger Orgelbuch von Johann Sebastian Bach, von Bach in den späten 1730er Jahren angelegt und seitdem immer wieder ergänzt, besteht aus sechs Triosonaten, 18 Choralbearbeitungen sowie den Kanonvariationen über „Vom Himmel hoch“. Den meisten Forscher*innen gilt das „Orgelbuch“ als reines Sammelwerk ohne Vollständigkeitsanspruch. Wolfgang Kleber liest es jedoch als zyklisches Werk mit „architektonischem Gesamtkonzept und begreift es als musikalische Allegorie der Johannes-Offenbarung. In deren Zentrum steht das „Lamm Gottes“ (BWV 656), dessen Opfertod von 24 Ältesten besungen wird.

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Das Leipziger Orgelbuch von Johann Sebastian Bach – wer in Büchern oder im Internet nach diesem Begriff sucht, wird nur vereinzelt Einträge finden. Die Bezeichnung ist jüngeren Datums; sie stammt vom Darmstädter Organisten Wolfgang Kleber, der damit einer berühmten Bach-Handschrift aus dem Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin einen griffigen Titel gab. Dieses Konvolut, von Bach in den späten 1730er Jahren angelegt und seitdem immer wieder ergänzt, besteht aus sechs Triosonaten, 18 Choralbearbeitungen sowie den Kanonvariationen über „Vom Himmel hoch“.Dabei bilden die Sonaten einen eigenen, sorgfältig austarierten Zyklus in der zeitüblichen Sechserzahl. Ob auch die Choralbearbeitungen als Werkganzes zu betrachten sind und wie die Variationen in diesen Kontext passen, ist hingegen umstritten. Weil die Choräle im Abstand von mehreren Jahren und die letzten von ihnen auch nicht mehr von Bach selbst notiert wurden, gilt das „Orgelbuch“ den meisten Forschern als reines Sammelwerk ohne Vollständigkeitsanspruch. Hinzu kommt, dass ein Großteil der Musik – aber das betrifft die Sonaten ebenso wie die Choräle – auf ältere Kompositionen aus Bachs Weimarer oder sogar Mühlhäuser Zeit zurückgeht.Wolfgang Kleber hingegen vertritt die Ansicht, dass es sich beim „Orgelbuch“ um ein zyklisches Werk handelt, dem ein „architektonisches Gesamtkonzept“ zugrunde liegt. Er sieht vielfältige Korrespondenzen und Entsprechungen zwischen den Einzelstücken: Themenähnlichkeiten etwa bei den Choralbearbeitungen BWV 652-654, geplante Übergänge wie beim „offenen“ Schluss von BWV 667, Proportionen nach dem Goldenen Schnitt sowie zahlensymbolische Hinweise. Um ein Beispiel für Letzteres zu geben: Die Sammlung besteht aus 41 Einzelsätzen (18 Sonatensätze, 18 Choralbearbeitungen, 5 Variationen), was dem Buchstabenwert von Bachs Namen entspricht (JSBACH = 9+18+2+1+3+8).

Auch inhaltlich macht Kleber einen konkreten Interpretationsvorschlag: Er begreift das „Orgelbuch“ als musikalische Allegorie der Johannes-Offenbarung. In deren Zentrum steht das „Lamm Gottes“ (BWV 656), dessen Opfertod von 24 Ältesten besungen wird. Tatsächlich hat Bach genau 24 Einzelwerke der Sammlung signiert, nicht aber den Schlusschoral, „Vor deinen Thron tret ich hiermit“. Mit ihm würde der Komponist gleichsam seine irdische Identität vor dem Thron Gottes ablegen – das „Orgelbuch“ als Vermächtnis Bachs. Konsequenterweise führt Kleber als wohl erster Organist überhaupt die Sammlung in Gänze auf.

Mit seinen Triosonaten für Orgel betrat Bach kompositorisches Neuland. Er übertrug hier ein Modell der Kammermusik – zwei Oberstimmen plus Bass – auf die Orgel, genauer gesagt auf zwei Manuale, zu spielen mit rechter und linker Hand, sowie ein Pedalwerk. Während in der Kammermusikpraxis ein Cembalist den Satz akkordisch füllt, beschränkt sich Bach hier streng auf drei Stimmen. Diese sind im Prinzip gleichberechtigt, wobei sich die Bassstimme nicht immer am thematischen Prozess beteiligt.Beispiel C-Dur-Sonate Nr. 5, Sätze 1 und 2: Hier bleibt die Melodie den Oberstimmen vorbehalten; der Bass hat lediglich begleitend-stützende Funktion. Im Schlusssatz dagegen meldet er sich sofort mit einem eigenen Gedanken zu Wort, um später auch das Material der Oberstimmen zu verarbeiten und sogar ihre virtuosen Sechzehntelläufe zu imitieren. Manchmal ändert sich das Modell im Verlauf eines Satzes, etwa wenn die Bassstimme zu Beginn der 1. Sonate Es-Dur noch als Fundament dient, mit etwas Verspätung dann aber doch in den thematischen Dialog eingreift.Diesem ständigen Wechsel der Satztechniken entspricht auf formaler Ebene der Wechsel zwischen Ritornellform mit ihrem refrainartig wiederkehrenden Hauptthema und Ansätzen zur Sonatenform mit ihren zwei korrespondierenden Hälften. In der Kombination solcher „modernen“ Satzanlagen mit altehrwürdigen Techniken der Polyphonie (Kanon, Imitation, Spiegelung) liegt der Reiz der neuen Gattung.

Das Konzept der Choralbearbeitung stammt aus der liturgischen Praxis: Der Organist hatte die von der Gemeinde gesungenen Liedzeilen mit instrumentalen Vor-, Zwischen- und Nachspielen zu umrahmen. Schon der junge Bach war offenbar ein Meister im Erfinden solcher „Ergänzungsmusik“; wenn er es im Gottesdienst damit übertrieb, gab es prompt eine Rüge seiner Dienstherren. Heute bewundern wir gerade seine Kunst, aus identischem Grundmaterial völlig unterschiedliche Werke zu formen. So verlegt BWV 651 den Choral „Komm Heiliger Geist“ in den Bass und türmt darüber ein quasi autonomes Geflecht von Sechzehntelbändern. Ganz anders BWV 652: Hier erklingt derselbe Choral in der Oberstimme, allerdings im Dreiertakt und melodisch ausgeschmückt; außerdem wird jede Liedzeile in den Unterstimmen imitatorisch vorweggenommen. Andere Bearbeitungen bringen den jeweiligen Choral in stark verzierter Form (z.B. BWV 660, 662 und 663), während die drei Trios BWV 655, 660 und 664 als Fantasien über („super“) das vorhandene Liedmaterial angelegt sind.

Kanonische Veränderungen Beinhaltete schon BWV 656 drei Variationen über den Choral „O Lamm Gottes, unschuldig“, stellen die fünf Veränderungen über „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ einen eigenen kleinen Zyklus dar. Alle fünf sind kanonisch angelegt, und zwar so, dass in den Var. 1, 2, 4 und 5 jeweils die Begleitstimmen einander imitieren, während der Choral im Bass oder im Sopran erklingt. Als wäre dies noch nicht Herausforderung genug, modelliert Bach diese Begleitungen zum Teil aus den Melodietönen des Chorals (Var. 2, 4), fügt ein weitere freie Stimme hinzu (Var. 4 und 5) und lässt in Var. 5 die Begleitstimmen unterschiedlich schnell ablaufen („per augmentationem“). Den Gipfel kontrapunktischer Kunstfertigkeit markiert Var. 3: Hier setzt Bach den Choral selbst und seine Spiegelung als Kanon, und zwar nacheinander in vier verschiedenen Tonabständen (Sext, Terz, Sekund, None). In den Schlusstakten gelingt ihm das schier Unmögliche: alle vier Choralzeilen gleichzeitig übereinander zu schichten, dazu diverse Umkehrungen, und das in unterschiedlichen Tempi. 1748 reichte Bach diesen hochkomplexen Miniaturzyklus bei Lorenz Mizlers „Correspondierender Societät der musicalischen Wissenschaften“ als Jahresgabe ein. (Marcus Imbsweiler)

Wolfgang Kleber ist als Organist und Dekanatskantor der Pauluskirche von großer Bedeutung für das Musikleben in Darmstadt. Zusammen mit Barbara Meszaros (Sopran) und Gabor Meszaros (Fagott) gründete er das Trio Insolito, das europaweit Erfolge feiert. Neben seiner Tätigkeit als Kirchenmusiker ist er Künstlerischer Leiter des Orgelsommers Darmstadt und erhielt 2010 den Darmstädter Musikpreis. Wolfgang Kleber, Jahrgang 1958, erhielt seinen ersten Klavier- und Orgelunterricht bei Heinrich Sell und Edwin Müller in Idstein. In seinem Studium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main waren seine wichtigsten Lehrer Edgar Krapp, Fritz Werner Büchner, Karl Köhler, Helmuth Rilling, Hans Ulrich Engelmann und Heinz Werner Zimmermann. Nach Kirchenmusik-A-Examen und künstlerischer Reifeprüfung legte er 1984 das Konzertexamen Orgel ab. 1982 gewann der den Johann-Pachelbel-Preis im Internationalen Orgelinterpretationswettbewerb Nürnberg. Seit 1985 ist Wolfgang Kleber als Dekanatskantor an der Pauluskirche tätig. Als Orgelsolist geht er regelmäßig international auf Konzertreisen. Er hat zahlreiche Rundfunk- und CD-Aufnahmen eingespielt. 2010 wurde er mit dem Darmstädter Musikpreis ausgezeichnet. Als Komponist ist er unter anderem mit den Oratorien „Tefilla“, "Weg-Farben" und "Der Himmel über Sodom" hervorgetreten. 2017 war er beim Wissenschaftsfestival "Highlights der Physik" in Münster eingeladen, über "Symmetrische Strukturen in Bachs Kunst der Fuge" zu sprechen

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